Libanon: Hisbollah lehnt Waffenruhe ab, Kämpfe dauern
Eine Waffenruhe, die nur eine Seite bindet, ist keine Waffenruhe. Diese Erkenntnis haben die Vermittler im Libanonkonflikt nun bereits zum dritten Mal gemacht. Am 3. Juni einigten sich Israel und die libanesische Regierung auf einen Waffenstillstand, den Hisbollah-Chef Naim Kassem am nächsten Tag als "absurd, erniedrigend und beleidigend" zurückwies. Seitdem wurden mindestens 21 weitere Menschen in Südlibanon getötet, darunter am 6. Juni mehrere hochrangige Offiziere bei israelischen Luftangriffen.
Was am 3. Juni vereinbart wurde
Das Abkommen war von US-Vermittlern ausgehandelt worden. Es hatte zwei Kernelemente: Hisbollah sollte die Angriffe auf Israel vollständig einstellen und im südlichen Libanon sollte eine entmilitarisierte Zone eingerichtet werden, die von der libanesischen Armee verwaltet wird. Israelische Streitkräfte sollten in dieser Zone vorläufig ihre Positionen behalten.
Libanons Präsident Joseph Aoun bezeichnete das Abkommen als "letzte Chance" für einen umfassenden Waffenstillstand. Gleichzeitig erklärte Israels Verteidigungsminister Israel Katz, die Armee werde die laufenden Operationen im Südlibanon auch nach der Vereinbarung fortsetzen: Sie werde weiterhin "terroristische Infrastruktur zerstören" und habe "Bewegungsfreiheit, unterstützt von den USA, um auf Angriffe zu reagieren." Ein Waffenstillstand, den eine der verhandlungsführenden Seiten schon im Ankündigungsmoment für sich ausschließt, zeigt das strukturelle Problem aller Libanon-Abkommen seit März.
Warum Hisbollah nicht unterschreibt
Hisbollahs Ablehnung ist keine taktische, sondern eine grundsätzliche. Der Deal stellte an die Miliz eine Anforderung, die sie als Kapitulation wertet: die eigenen Kämpfer unter Feuer aus dem Südlibanon abzuziehen, während Israel im Land präsent bleibt. Kassem sagte, das bedeute "Niederlage und das Erreichen der Ziele des Feindes."
Hisbollah hat seit Kriegsbeginn im März eine unverrückbare Bedingung: Israel muss alle Truppen aus dem Libanon abziehen, bevor Waffenstillstandsgespräche beginnen. Auch der Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarden, Esmail Qaani, bekräftigte diese Forderung und verlangte den israelischen Rückzug auf die Stellungen vor dem Kriegsbeginn. Vor dem erneuten Ausbruch im März hatte Israel nur fünf Grenzposten auf libanesischem Territorium. Heute besetzt Israel weite Teile des Südlibanon. Dieser Ausgangspunkt ist für Hisbollah der eigentliche Streitpunkt und er lässt sich nicht durch einen einseitigen Feuerstillstand lösen.
3.516 Tote und sieben UNIFIL-Soldaten
Seit dem erneuten Ausbruch der Kämpfe im März 2026 wurden nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums 3.516 Menschen getötet und 10.674 weitere verletzt. Auf israelischer Seite starben 27 Soldaten und drei Zivilisten. Sieben UNIFIL-Blauhelmsoldaten kamen seit März ums Leben: Im April starben zwei Franzosen in einem Hinterhalt, den die Vereinten Nationen Hisbollah zuschrieben, wenngleich die Miliz jede Beteiligung bestritt. Am 4. Juni wurde ein serbischer Soldat getötet, als Mörsergranaten seine Position nahe Marjayoun trafen. Zwei spanische Soldaten wurden dabei verletzt.
Dass UN-Blauhelme in diesem Konflikt sterben, ist diplomatisch brisant. UNIFIL ist seit 2006 in Südlibanon stationiert, um die UN-Resolution 1701 zu überwachen, die Israel zum Rückzug und Hisbollah zur Entwaffnung verpflichtet. Beide Verpflichtungen werden seit Jahren nicht eingehalten. Dass nun sieben UNIFIL-Soldaten in einem Krieg sterben, den der Sicherheitsrat nicht stoppen kann, unterstreicht, wie weit die internationale Handlungsfähigkeit im Libanonkonflikt gesunken ist.
Was sich ändern müsste, damit ein Waffenstillstand hält
Die grundlegenden Konfliktlinien sind seit Monaten unverändert: Wann und wie zieht Israel ab? Unter welchen Bedingungen legt Hisbollah die Waffen nieder? Solange diese Fragen offen sind, werden Waffenstillstandsangebote wie das vom 3. Juni scheitern, weil keine der direkt beteiligten Seiten einen Anreiz hat, ihre Kernforderungen aufzugeben.
Diplomatisch könnte die Iran-Verhandlung eine Rolle spielen. Am 8. Juni läuft Trumps selbstgesetzte Frist für ein Atomabkommen mit Iran ab. Wenn dieses Abkommen gelingt und Iran darin Verpflichtungen über Hisbollah eingeht, könnte das einen Hebel bieten, den bisherige US-Vermittlungsversuche nicht hatten. Wenn es scheitert, dürfte der Druck auf Hisbollah sinken statt steigen. Bis dahin gilt, was France 24 treffend formulierte: Im Libanon herrscht ein "Waffenruhekrieg" weiter.
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